Matriken enthalten oft wertvolle Berichte: Choleraepidemie 1831/1832

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Ein Bericht von Johann Frank (ergänzt 20.5.2021)

Bei der Indexierung des Tauf-, Trauungs-, Sterbebuches 01,2,3-05 von Eibesthal bin ich auf einen mehrseitigen Bericht des damaligen Pfarrers Anton Josef Gerstorfer gestoßen, in welchem dieser sich 1831/32 im Sterbeteil ab Fol. 90 bis incl. Fol. 93 Gedanken über die Ursachen der damaligen Choleraepidemie macht, den Verlauf von Persien über Rußland und Polen nach Ungarn und Österreich beschreibt und die Anzahl der Toten in der Umgebung darstellt. Ich habe diesen Bericht – auch als Training im Kurrentschriftlesen – im angeschlossenen Dokument transkribiert, weil ich meine, dass er für manchen Forscherkollegen interessant sein könnte:

Eibesthal vor 1905, Quelle AKON/Österreichische Nationalbibliothek http://data.onb.ac.at/AKON/AK069_433

Cholera-Epidemie 1831/32

Aus Eibesthal 01,2,3-05 Tauf-, Trauungs-, Sterbebuch (Abteilung Sterbebuch): Bericht der Pfarrers Anton Josef Gerstorfer: [Fol. 93] nach dem letzten Sterbeeintrag 1.12.1831:

„Das Jahr ging unter Gottes Beistand zu Ende ohne daß die gefährliche Krankheit ein Opfer gefordert hätte.“

Beschreibung der Cholera-Epidemie

(beginnend in Fol. 90 nach einem Sterbeeintrag 6.9.1831 mit Fortsetzung bis Fol. 93):

Im Namen des dreyeinigen Gottes!

Mit schnellen Schritten schreitet der Würgengel /:Cholera:/ vorwärts.

Der Herr unser Gott, der ewig Gerechte, hat ihn gesendet, zu züchtigen das ungläubige, in Bosheit erhärtete Geschlecht. Nicht zufrieden gestellt mit dem Umsturze der Throne, von denen sie die Gesalbten des Herrn höhnend verjagten, grieffen die Völker mit frevelnder Hand an die Grundpfeiler des ewig nicht wankenden Thrones Gottes. Wüthend ob ihrer Ohnmacht schreien sie: „Herunter mit dem Kreuze, zu Staube tretet es; Nicht von oben kommt die Macht, von Unten, von uns, von dem Volke geht sie aus, nieder in den Staub mit denen, die da sagen „Wir von Gottes Gnaden“. Also wüthen sie fort, und bewerfen die dem Herrn getreu gebliebenen Diener mit dem zum Spotte gewordenen Rufe: „Jesuit“. So ist denn Dein heiligster Name „Jesu“ den Menschen zum Spotte, zum Schimpfe geworden?! So ist es denn jetzt wahr geworden, was Dein heiliger Apostel schreibt: Quasi purgamenta hujus mundi facti sumus et quasi stercora?!

[Fol. 91]

Doch „Gott lässt seiner nicht spotten“ und er winkte dem Würgengel, auf daß er erscheine, und befahl also: Bekleide dich mit dem Helme des Schreckens und mit dem Schild der Verwirrung, umgürte dich mit dem Schwerte der Rache, schwinge hoch die Geißel meines Zornes, denn ich will dich senden, zu züchtigen das Volk, das mich verachtet. Unter den Streichen deiner Geißel soll es sich winden, soll ausspeyen das Unmaß seiner Bosheit und im eigenen Kothe ersticken. Und der Engel eilet zu vollziehen die Befehle seines Herrn: dumpfes Stöhnen, jammerndes Gewinsel und schmerzgepreßtes Geheul sind seine Kampfgesänge, Tod ist seine Loosung.

Ihm voran geht ein Bothe, der mit kaltem Finger Furchen der Angst und Schatten der Beklemmung in die Gesichter der Menschen zeichnet. Schon hören auch wir das Rauschen seines Fittigs, schon fühlen auch wir den kalten Finger an unsrer Stirne. Denn also lauten die traurigen Berichte: ____ Heute am 16ten September 1831 ist die Cholera gleich einer Explosion in der Stadt Wien ausgebrochen, alles was fliehen kann, flieht. In Wilfersdorf ist kein Postpferd zu bekommen. Grafen stehen und bitten dringendst um Pferde. Die Bauern werden stolz, denn von Grafen sind sie noch nie gebethen worden. Die Zahl der gestern u heute Verstorbenen giebt man auf 160 an, von denen die meisten aus den höheren Ständen sind.___

Ihr Gang war folgender:

Die Russen hatten sie durch ihre Armeen aus Persien und aus der Türkey abholen lassen. Sie wählte sich Moskau zum Standquartier; von dort brachten die russischen Heere dieselbe nach Pohlen, welches sich im Kriege mit Rußland befindet oder vielmehr befand /: Denn gestern erfuhren wir, daß Warschau von den Russen im Sturme soll genommen worden seyn :/ In Brody Lemberg und in ganz östreichisch Gallizien verbreitete sich das schreckliche Uibel im May. Von Gallicien kam es nach Ungarn, wo es offenes Feld fand, da der unwissende Bauer daselbst im Wahne steht, die Reichen i.e. Adelichen, Beamten, Geistlichen, Ärzte hätten die Brunnen vergiftet, um die Armen aus der Welt zu schaffen, weßwegen sie gräßliche Grausamkeiten an den besseren Ständen verübten, ohne der Cholera das geringste Obstaculum zu setzen. In Pescht starben Anfangs August täglich 80-90 Personen, am 6ten August starben daselbst 124. Jetzt ist das Uibel im Abnehmen, es sterben jedoch noch immer täglich 50-60 Personen. durchgestrichen: Malaczka ist bis auf 4 Personen ausgestorben.“

 

[Fol. 92]

„Ungeachtet des strengen an der March gezogenen Cordons zeigte sich dieses pestartige Uibel bald in Oestreich. Zuerst ergriffen waren die Ortschaften Deutschbrodersdorf, Gerhaus Hollern Pachfurth und besonders Rohrau. Am 28t. August wurde Landshut damit angesteckt und am 13tn September Lichtenwarth. Alle diese Ortschaften haben die Colera den Tabakschwärzern zu verdanken, welche die Wachsamkeit des Cordons böswillig zu täuschen wußten. Am meisten erschrekte uns aber die Nachricht von ihrem Ausbruche in Wien, denn von da aus wird sie nun in alle Gegenden Oestreichs versendet werden. Unser allverehrter Monarch und Vater Franz hat viele Sorgfalt und Aufmerksamkeit diesem Gegenstand gewidmet. Es sind mehrere Sanitäts-Distrikts-Comissaere aufgestellt und zwar in unserer Gegend Herr Zimmermann, Oberamtmann zu Wilfersdorf. Uiberall sind Cholera-Spitäler eingerichtet worden, bei uns in Eibesthal sind das Kleinhaus Nro.    und das Halblehenhaus Nro.    jedes mit 2 Betten eingerichtet worden. Jeder Ort allwo die an dieser Krankheit Verstorbenen beerdiget werden sollen, ist auch schon bestimmt. Beym Stiegenwalde wo die weiße Martersäule steht.

18. Sept: Heute wurde auf allerhöchsten Befehl das Pest-Straf-Patent von der Kanzel verkündet. Dieses wird auch an den 2 folgenden Sonntagen wiederholt und dann werde ich das Patent im Pfarr-Archive aufbewahren. Zugleich vermeldete ich, daß ich von Morgen anzufangen täglich 2 oder 3 Stunden im Beichtstuhle seyn werde, um nach und nach die ganze Gemeinde zum allfälligen Uibertrit ins bessere Leben zu disponieren. Dieß unternehme ich keineswegs deshalb, um mich beim Ausbruche der Krankheit den einzelnen zu entziehen, sondern aus Vorsicht für den Fall, als ich beim ersten oder 2ten Krankenbesuch angesteckt, oder vor den übrigen damit befallen werden sollte.

24. Sept: Die Cholera wurde als nicht kontagiös erklärt, die Contumaz-Zeit auf 10 dann 5 Tage restringirt, dann die Cordone als überflüssig aufgehoben. Auch wurden die Pestfriedhöfe abgeschafft.

Octob: grif die Krankheit in Ginzersdorf Böhmischkrut dann besonders in Mähren weiter.

Nov.:  Im Monate Novemb. starben zu Nikolsburg 95 Christen und 52 Juden bloß an der Cholera.

9. Dec: brach sie in Poysdorf aus, und es starben in der ersten Nacht 6 Personen. Der Hh Pfarrer daselbst Joseph Piller zeichnete sich durch seine Dienstleistungen sehr aus. Sie dauerte dort bei 4 Wochen, es starben 34 Personen.

Feb. 1832:  In Herrnbaumgarten. erkrankt sind 280, Es starben 56.

May 1832:  In Asparn a.d.Z. nachdem seit Februar die ganze Gegend frey war, brach sie in Asparn aus, aber gelinde, es starben von 100 Kranken nur 18.

Juny 1832: In Hüttendorf ist sie bedeutender, bis jetzt starben 30

Eodem: In Poysbrunn wüthet sie sehr stark u tödtet schnell, in 8 Tagen 48 Tode u. 170 Versehgänge

12. Juny: brach sie in Mistelbach aus “-“-“-70 Todte

18. Juny:  in Wilfersdorf starben 43.

Eodem in Prinzendorf -“-36

In Wetzelsdorf, sehr stark

[Fol. 93]

am 21. Juli starb Hh Pfarrer in Hörersdorf Jakob Reschl und binnen 3 Tagen seine Köchin u. die Magd.

6. August brach sie mit Wuth zum zweyten male in Poysdorf aus, manchen Tag lagen 16 auf dem Laden.

2. August in Böhmischkruth. Sehr stark, binnen 14 Tagen 132 Todt.

Vom 9. bis incl. 11 August erkrankten  in Znaym 1500, es starben 152 in diesen 3 Tagen. Alles  was Rosse hatte fuhr davon, binnen 12 Tagen starben 731

Am 13. August erkrankte zu Eibesthal im Pfarrhof die Magd. Meine Mutter Anna M. Gerstorfer wurde dadurch angegriffen, war am 17. noch gesund, am 18ten 1/2 4 Uhr abends starb sie. Gott geb ihr die ewige Ruhe. Die Magd wurde gesund.

[Fol. 95]

Anmerkung: Zwischen 18. u. 27.8.1832 starben in Eibesthal lt. Sterbebuch insgesamt 4 Personen an Cholera; in Ameis starben damals bereits Juni/Juli 28 Personen an Cholera.

1866 war eine weitere Cholera-Epidemie: Damals sind in Ameis, Altruppersdorf u. Föllim 122 Personen an Cholera verstorben, in Eibesthal ist bei den Sterbefällen August/September 1866 bei 52 Personen „Cholera“ als Todesursache angeführt.

 

 

Zum Autor:

 

Ministerialrat Johann Frank, ehemals Beamter des Rechnungshofes in Wien und ehemaliger ehrenamtlicher Finanzreferent der Alpenverein-Sektion Austria beschäftigt sich seit Jahren mit Familien- und Ortsgeschichte. Besonderes Interesse gilt der Umgebung seines Geburts- und Heimatsortes Ameis im Bezirk Mistelbach, Niederösterreich, für einige deren Pfarren er auch Indizes der Kirchenbücher erstellt hat, so zum Beispiel Altruppersdorf, Ameis, Eibesthal, Falkenstein, Hörersdorf (gemeinsam mit Gertrude Schmidt), Mistelbach (gemeinsam mit Eichler, Harrach und Priester), Neudorf bei Staatz (gemeinsam mit Russ), Poysdorf und Siebenhirten, alle zu finden auf www.genteam.at

Links:

Cholera in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cholera

Bild: Eibesthal vor 1905, Quelle AKON/Österreichische Nationalbibliothek http://data.onb.ac.at/AKON/AK069_433

 

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