Matriken enthalten oft wertvolle Berichte: Choleraepidemie 1831/1832

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Ein Bericht von Johann Frank

Bei der Indexierung des Tauf-, Trauungs-, Sterbebuches 01,2,3-05 von Eibesthal bin ich auf einen mehrseitigen Bericht des damaligen Pfarrers Anton Josef Gerstorfer gestoßen, in welchem dieser sich 1831/32 im Sterbeteil ab Fol. 90 bis incl. Fol. 93 Gedanken über die Ursachen der damaligen Choleraepidemie macht, den Verlauf von Persien über Rußland und Polen nach Ungarn und Österreich beschreibt und die Anzahl der Toten in der Umgebung darstellt. Ich habe diesen Bericht – auch als Training im Kurrentschriftlesen – im angeschlossenen Dokument transkribiert, weil ich meine, dass er für manchen Forscherkollegen interessant sein könnte:

Eibesthal vor 1905, Quelle AKON/Österreichische Nationalbibliothek http://data.onb.ac.at/AKON/AK069_433

Cholera-Epidemie 1831/32

Aus Eibesthal 01,2,3-05 Tauf-, Trauungs-, Sterbebuch (Abteilung Sterbebuch): Bericht der Pfarrers Anton Josef Gerstorfer: [Fol. 93] nach dem letzten Sterbeeintrag 1.12.1831:

„Das Jahr ging unter Gottes Beistand zu Ende ohne daß die gefährliche Krankheit ein Opfer gefordert hätte.“

Beschreibung der Cholera-Epidemie

(beginnend in Fol. 90 nach einem Sterbeeintrag 6.9.1831 mit Fortsetzung bis Fol. 93):

„Im Namen des dreieinigen Gottes!

Mit schnellen Schritten schreitet der Würgengel (Cholera) vorwärts.

Der Herr unser Gott, der ewig gerechte hat ihn gesendet, zu züchtigen das ungläubige in Bosheit erhärtete Geschlecht. Nicht zufrieden gestellt mit dem Umsturze der Thronn, von denen sie die Gesalbten des Herrn höhnend verjagten, grieffen die Völker mit frevelnder Hand an die Grundpfeiler des ewig nicht wankenden Thrones Gottes. Wütend ob ihrer Ohnmacht schreien sie „Herunter mit dem Kreuze, zu Staube tretet es; Nicht von oben kömt die Macht, wie von Unten, von uns, von dem Volke geht sie aus, nieder in den Staub mit denen, die da sagen „Wir von Gottes Gnaden“ als wüthen sie fort, und bewerfen die dem Herrn getreu gebliebenen Diener mit dem Spott gewordenen Rufe „Jesuit“. So ist denn der heiligste Name „Jesu“ den Menschen zum Spott, zum Schimpf geworden?! So ist es denn jetzt wahr geworden, was ein heiliger Apostel schreibt: Quam purga mente hujus mundi fait fumen et quasi stercora?!“

[Fol. 91]

„Doch „Gott läßt seiner nicht verspotten“ und er winkte dem Würgengel, auf daß er erscheine und befahl also: Bekleide dich mit dem Helm des Schreckens und mit dem Schild der Verwirrung, umgürte dich mit dem Schwert der Rache, schwinge hoch die Geißel meines Zornes, ja ich will dich senden, zu züchtigen das Volk, das mich verachtet. Unter den Streichen deiner Geißel soll es sich winden, soll ausspeyen das Unheil seiner Bosheit und im eigenen Kothe ersticken. Und der Engel eilet zu vollziehen die Befehle seines Herrn. Dumpfes Stöhnen, jammerndes Gewinsel und Schmerzen, größtes Geheul seien seine Kampfgesänge, Tod ist seine Loosung.

Ihr voran geht ein Bothe, der mit kalten Fingern Furchen der Angst und Schatten der Beklemmung in die Gesichter der Menschen zeichnet. Schon hören auch wir das Rauschen seines Fittigs, schon fühlen auch wir den kalten Finger an unserer Stirn. Neu also lauten die traurigen Berichte: Heute am 16ten September 1831 ist die Cholera gleich einer Explosion in die Stadt Wien eingebrochen, alles was fliehen kann, flieht. Zu Wilfersdorf ist kein Postpferd zu bekommen. Grafen stehen und bitten dringenst um Pferde. Die Bauern werden stolz, denn von Grafen sind sie noch nie gebeten worden. Die Zahl der gestern und heute Verstorbenen gibt man auf 160 an, von denen die meisten aus den höheren Ständen sind.

Ihr Gang war folgender:

Die Russen hatten sie durch ihre Armeen aus Persien und aus der Türkey abholen lassen. Die wählte sich Moskau zum Standquartier; von dort brachten die russischen Heere dieselbe nach Pohlen, welches sich im Kriege mit Rußland befindet oder vielmehr befand. – Denn gestern erfuhren wir, daß Warschau von den Russen im Sturm soll genommen worden sein. – Zu Brody Lemberg und in ganz österreichisch Gallizien verbreitete sich das schreckliche Uibel im May. Von Gallizien kam es nach Ungarn, wo es offenes Feld fand, da der unwissende Bauer daselbst im Wahne steht, die Reichen, die Adelichen, Beamten, Geistlichen, Ärzte hätten die Bräune vergiftet, um die Armut aus der Welt zu schaffen, weswegen sie gräßliche Grauslichkeiten an den besseren Ständen verübten, ohne der Cholera das geringste Obstaculum zu setzen. In Pest starben Anfangs August täglich 80-90 Personen, am 6ten August starben daselbst 124. Jetzt ist das Uibel im Abnehmen, es sterben jedoch noch immer täglich 50-60 Personen. durchgestrichen: Malaczka ist bis auf 4 Personen ausgestorben.“

[Fol. 92]

„Ungeachtet des strengen an der March gezogenen Cordons zeigte sich dieses pestartige Uibel bald in Oesterreich. Zuerst ergriffen waren die Ortschaften Deutschbrodersdorf, Gerhaus Hollern Pachfurth und besonders Rohrau. Am 28. August wurde Landshut damit angesteckt und am 13. September Lichtenwarth. Alle diese Ortschaften haben die Colera dem Tabak schwärzern zu verdanken, welche die Wegsamkeit des Cordons böswillig zu täuschen wußten. Am meisten erschreckt uns aber die Nachricht von ihrem Ausbruche in Wien, denn von da aus wird sie nun in alle Gegenden Oestreichs versendet werden. Unser allverehrter Monarch und Vater Franz hat viele Sorgfalt und Aufmerksamkeit diesem Gegenstand gewidmet. Es sind mehrere Sanitäts-Districts-Komissar aufgestellt und zwar in unserer Gegend Herr Zimmerman Oberamtmann zu Wilfersdorf. Uiberall sind Cholera-Spitäler eingerichtet worden, bei uns in Eibesthal sind das Kleinhaus Nr. … und das Halblehenhaus Nr. … jedes mit 2 Betten eingerichtet worden. Der Ort allwo die an dieser Krankheit Verstorbenen beerdigt werden sollen, ist auch schon bestimmt. Beyn Stiegenwalde, wo die weiße Martersäule steht.

  1. Sept: Heute auf allerhöchsten Befehl das Pest-Straf-Patent von der Kanzel verkündet. Dieses wird auf den 2 folgenden Sonntagen wiederholt und dann werde ich das Patent im Pfarr-Archiv aufbewahren. Zugleich vermeldete ich, daß ich von Morgen angefangen täglich 2 oder 3 Stunden im Beichtstuhl sein werde, um nach und nach die ganze Gemeinde zum allfälligen Uibertritt ins bessere Leben zu disponieren. Dieß unternehme ich keineswegs deshalb, um mich beim Ausbruch der Krankheit den einzelnen zu entziehen, sondern aus Vorsicht für den Fall, als ich beim ersten oder 2ten Krankenbesuch angesteckt, oder vor den übrig damit befallen werden sollte.
  2. Sept.: Die Cholera wurde als nicht kontagiös erklärt, die Contumaz-Zeit auf 10 dann 5 Tage restringirt, dann der Cordone als überflüssig aufgehoben. Auch wurden die Pestfriedhöfe abgeschafft.

Okt.:      griff die Krankheit in Ginzersdorf Böhmischkrut dann besonders in Mähren weiter.

Nov.:     Im Monate November starben zu Nikolsburg 95 Christen und 52 Juden bloß an der Cholera.

  1. Dez.: brach sie in Poysdorf aus, und es starben in der ersten Nacht 6 Personen. Der Herr Pfarrer daselbst Josef Piller zeichnete sich durch seine Dienstleistungen sehr aus. Dies dauerte dort 4 Wochen, es starben 34 Personen.

Feb 1832:  Zu Herrnbaumgarten erkrankt sind 280. Es starben 56.

May 1832: Zu Asparn a.d.Z. nachdem die ganze Gegend frey war, brach sie in Asparn aus, aber gelinde, es starben von 100 Kranken nur 18.

Juny 1832: Zu Hüttendorf ist sie bedeutender. Bis jetzt starben 30.

Eodem:   In Poysbrunn wütet sie sehr stark u. findet schnell in 8 Tagen 48 Todte u. 170 Versehgänge

  1. Juny: brach sie in Mistelbach aus: 70 Todte.
  2. Juny: in Wilfersdorf starben 43.

Eodem:   in Prinzendorf 36.

In Wetzelsdorf, sehr stark.“

[Fol. 93]

„am 21. Juli starb Hr. Pfarrer in Hörersdorf Jakob Reschl und binnen 3 Tagen seine Köchin u. die Magd.

  1. August: brach sie mit Wuth zum zweiten mal in Poysdorf aus, manchem Tag lagen 16 auf dem Laden.
  2. August: in Böhmischkrut sehr stark, binnen 14 Tagen 132 todt.

Von 9. Bis incl. 11. August erkrankten  in Znaym 1500, es starben 152 in diesen 3 Tagen. Alles  was Roß hatte, fuhr davon. Binnen 12 Tagen starben 731.

  1. August erkrankte zu Eibesthal im Pfarrhof die Magd. Meine Mutter Anna M. Gerstorfer wurde dadurch angegriffen, war am 17ten noch gesund, am 18ten ½ 4 Uhr abends starb sie. Gott geb ihr die ewige Ruhe. Die Magd wurde gesund.“

[Fol. 95]

Anmerkung: Zwischen 18. u. 27.8.1832 starben in Eibesthal lt. Sterbebuch insgesamt 4 Personen an Cholera; in Ameis starben damals bereits Juni/Juli 28 Personen an Cholera.

1866 war eine weitere Cholera-Epidemie: Damals sind in Ameis, Altruppersdorf u. Föllim 122 Personen an Cholera verstorben, in Eibesthal ist bei den Sterbefällen August/September 1866 bei 52 Personen „Cholera“ als Todesursache angeführt.

 

Zum Autor:

 

Ministerialrat Johann Frank, ehemals Beamter des Rechnungshofes in Wien und ehemaliger ehrenamtlicher Finanzreferent der Alpenverein-Sektion Austria beschäftigt sich seit Jahren mit Familien- und Ortsgeschichte. Besonderes Interesse gilt der Umgebung seines Geburts- und Heimatsortes Ameis im Bezirk Mistelbach, Niederösterreich, für einige deren Pfarren er auch Indizes der Kirchenbücher erstellt hat, so zum Beispiel Altruppersdorf, Ameis, Eibesthal, Falkenstein, Hörersdorf (gemeinsam mit Gertrude Schmidt), Mistelbach (gemeinsam mit Eichler, Harrach und Priester), Neudorf bei Staatz (gemeinsam mit Russ), Poysdorf und Siebenhirten, alle zu finden auf www.genteam.at

Links:

Cholera in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cholera

Bild: Eibesthal vor 1905, Quelle AKON/Österreichische Nationalbibliothek http://data.onb.ac.at/AKON/AK069_433

 

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