Eine neue, interdisziplinäre Grundlagenstudie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) öffnet spannende Pfade für die regionale Ahnen- und Hofforschung. Unter dem Titel „Klimafitte Wälder – Erkenntnisse auf Basis historischer Baumvorkommen“ haben Forschende tief in alten Namenschichten und historischen Katasterarchiven gegraben. Was vordergründig nach forstbotanischer Klimaforschung klingt, entpuppt sich als wahrer Schatz für die Rekonstruktion unserer bäuerlichen Ahnenwelten in Oberösterreich und Tirol.
Onomastik und Hofforschung: Wenn der Baum zum Familiennamen wird
Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass historische Orts-, Flur- und Gehölznamen (Toponyme) keine romantischen Naturbeobachtungen waren, sondern Zeugnisse einer ganz gezielten mittelalterlichen Wirtschaftsnutzung (ca. 900 bis 1200 n. Chr.). Für Familienforscherinnen und -forscher ist diese systematische Auswertung aus zwei Gründen von unschätzbarem Wert:
- Herkunft von Familiennamen: Die geografische Verteilung alter Gehölztypen spiegelt sich direkt in bekannten oberösterreichischen Herkunfts- und Hofnamen wider. Namen wie Aichinger (Eichach), Haslinger (Haslach), Pühringer (Pirach/Birke) oder Feichtinger (Fichte) lassen sich so bestimmten historischen Wirtschaftsräumen und Siedlungsschichten zuordnen.
- Klosterwirtschaft und das „Villikationssystem“: Der Großteil der baumbezogenen Flurnamen lässt sich auf die hochmittelalterliche Meierhofwirtschaft der Klöster zurückführen. Wer in diesen Regionen nach frühen bäuerlichen Vorfahren sucht, findet in den Clustern von Eichen- und Buchenwäldern (wichtig für die Schweinemast) die direkten Spuren der klösterlichen Grundherrschaften.
Neue Tiefe durch den Franziszeischen Kataster um 1825
Ein Kernstück der Arbeit bildet die detailreiche Verknüpfung historischer Toponyme mit den Schätzungsoperaten und Urmappen des Franziszeischen Katasters (1817–1861). Für 166 Katastralgemeinden in Oberösterreich wurden die historischen Nutzungstypen wie Hochwald, Niederwald oder Brandwirtschaft systematisch ausgewertet.
Für Genealoginnen und Genealogen, die die Lebensumstände ihrer Ahnen im frühen 19. Jahrhundert rekonstruieren möchten, liefert die Studie wertvolle Kontexte darüber, wie die Wälder im Umfeld der elterlichen Höfe damals beschaffen waren und welche Hölzer wirtschaftlich dominierten (allen voran Fichte, Tanne und Föhre).
Genutzte Datenbanken und Datenquellen
Das Forschungsteam hat für die Untersuchung Datenbestände verknüpft, die auch in der täglichen genealogischen Praxis eine zentrale Rolle spielen:
- Das Ortsnamenbuch des Landes Oberösterreich (OÖONB).
- Die digitale Plattform DORIS (insb. das Projekt „Hofnamen und Häusergeschichte“ [HuHG]).
- Die Flurnamenerhebung im Bundesland Tirol (immaterielles UNESCO-Kulturerbe).
- Dendrochronologische Daten (Jahrringanalysen) von historischen Bauhölzern.
Fazit für die Praxis
Diese Studie zeigt einmal mehr, wie eng Natur-, Sprach- und Siedlungsgeschichte miteinander verwoben sind. Wenn Sie das nächste Mal über einen Hofnamen stolpern, der auf -ach, -et (Puchet) oder -inger endet, lohnt sich der Blick in diese forstgeschichtlichen Kartenwerke, um das Lebensumfeld Ihrer Vorfahren plastischer zu verstehen.
Die vollständige Studie umfasst 137 Seiten und bietet im Anhang umfangreiches Kartenmaterial (u. a. Toponymkarten für Oberösterreich und Tirol) und hier zu finden.
Zitiervorschlag / Quelle:
Hohensinner, S., Haidvogl, G., Hohensinner, K. & Wächter, E. (2025): Klimafitte Wälder – Erkenntnisse auf Basis historischer Baumvorkommen. Studie gefördert vom Waldfonds der Republik Österreich, Projekt BMLRT/III-2022-M8/4 (FAI.46), Universität für Bodenkultur Wien, 137 S.

