Das Rätsel um den Namen Liehl

Eine genealogische Spurensuche

Ein Thema, das mich schon lange fasziniert, ist die Herkunft und Bedeutung unserer Namen. Manchmal ist es recht einfach nachvollziehbar, wie bei den Berufsnamen Wagner oder Müller. Andere lassen sich über den Wortschatz unseres Dialekts erklären, wie etwa Pichler, für jemanden, der auf einem Hügel lebt. Mehr dazu habe ich in meinem Beitrag zu den Mostviertler Familiennamen geschrieben.1 Doch manche Familiennamen bieten keine einfachen Erklärungen an. 

Schon vor einiger Zeit habe ich über die Herkunft und Bedeutung des Familiennamens Liehl nachgedacht. Oberflächlich betrachtet habe ich kaum vergleichbares Namensmaterial in der Region gefunden. In Niederösterreich ist mir dennoch der Ortsname Lielach bei Böheimkirchen aufgefallen. Dieser wird mit dem mittelhochdeutschen Wort liele für ‚Weinrebe‘ erklärt.2 Ich hatte aber immer Zweifel, ob das denn wirklich eine passende Erklärung ist. Dann habe ich mich lange Zeit nicht mehr mit der Frage beschäftigt.

Vor kurzem durfte ich einem Namensträger des Familiennamens zum Geburtstag gratulieren. Im weiteren Gespräch sind wir auf seine Vorfahren zu sprechen gekommen. Der früheste bekannte Namensträger war Johann Liehl, welcher 1918 als uneheliches Kind geboren wurde und später in Grunddorf bei Weißenkirchen an der Perschling lebte. Spätestens jetzt wollte ich mehr über die Geschichte des Namens herausfinden und habe mich entschlossen, die Namenslinie zu erforschen. Ganz klassisch von Generation zu Generation, von Trauung zur Taufe, zur Trauung der Eltern.

Generiert mit ChatGPT.

Schnell habe ich seinen Taufeintrag in der Alservorstadt in Wien gefunden und auch die ersten Informationen zu seiner Mutter Anna, welche selbst aus Weißenkirchen stammte3 und 1897 dort als Tochter von Maria Gruber geboren wurde. Aus ihrem Taufeintrag geht hervor, dass sie erst mit dreizehn Jahren legitimiert wurde und damit ab 1910 überhaupt selbst den Namen Liehl trug. Der Wirtschaftsbesitzer in Grunddorf 4 namens Franz Liehl erklärte sich im Beisein von Zeugen als der natürliche Vater von Anna.4 Franz selbst wurde im November 1863 als Kind von Franz und Theresia Liehl in Grunddorf 2 geboren.5 Seine Eltern heirateten im Juni desselben Jahres, also nur etwa ein halbes Jahr zuvor. Während beim Vater die Adresse Grunddorf 4 angegeben ist, lebte die Mutter im benachbarten Haus mit der Nummer 2.6

Auch die Generation davor war bereits im gleichen Haus ansässig. Franz Liehl wurde als Sohn von Michael und Anna Maria 1826 dort geboren.7 Die Hochzeit der Eltern fand sechzehn Jahre früher im Jahr 1810 in der Pfarre Heiligeneich statt. Der Witwer und Nachbar Michael Liel lebte da noch in Ebersdorf 14. Interessanterweise ist auch ein Verweis auf die erste Hochzeit direkt darüber mit vertauschten Spalten von Braut und Bräutigam eingetragen. Er heiratete 1808 in Weißenkirchen die Witwe Anna Maria Stockinger am Haus Ebersdorf 14. Bei ihm ist als Wohnort schlicht Perschling eingetragen.8 Beim eigentlichen Trauungseintrag in Weißenkirchen wurde vermerkt, dass er im Haus Perschling 1 lebte und auch die Eltern sind angegeben.9

Die Pfarre Weißenkirchen wurde erst in der josephinischen Zeit im Jahr 1783 gegründet. Davor gehörte Perschling zur Pfarre Kapelln.10 Michael wurde 1780 als Sohn von Michael und Theresia Liel geboren.11 Bei der Trauung der Eltern im Jahr 1774 ist vermerkt, dass Michael bereits verwitwet war. Die Wohnadresse ist ebenfalls mit Perschling 1 angegeben.12 Bei der ersten Trauung von Michael im Jahr 1762 sind seine Eltern Andreas und Anna Maria Liel aus Kuffern vermerkt.13 Dieser Ort gehörte vor 1784 noch zur Pfarre Getzersdorf und danach zu Statzendorf.14 Während die Forschung bisher vergleichsweise flott voran ging, wird es jetzt herausfordernd. In den Indizes der Kirchenbücher von Getzersdorf fehlt der Name Liel im fraglichen Zeitraum. Auch beim Durchblättern der Kirchenbücher erscheint der Name nicht.

Wenn es mit den üblichen Mitteln nicht weitergeht, muss man andere Quellen zur Hilfe nehmen. Zumeist bieten sich hier grundherrschaftliche Aufzeichnungen an. In diesem Fall muss ich ermitteln, zu welcher Grundherrschaft das Haus Perschling 1 gehörte. Dieses  ist bei „Haus und Hof“ bereits erfasst und bei den Angaben zum Hausbesitzer in der Josephinischen Fassion von 1787 werde ich erstmals stutzig. Dort steht Michael Jell. Als Grundherrschaft ist Thalheim mit einem konkreten Seitenverweis vermerkt.15 Zuerst habe ich nochmal die Schreibweise des Namens in der Josephinischen Fassion geprüft, um Lesefehler bei der Erfassung auszuschließen. In der Quelle steht eindeutig Jell.16 Mit dieser Erkenntnis habe ich dann das Alte Grundbuch eingesehen und dort als ersten Eintrag zum Haus Perschling 1 den Namen Jell gefunden und eben nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, Liel.

„Joh: Michael Jell Thersia uxor durch Vertrag a[nn]o [1]774 pr 750 fl.
Johan Reisinger, Theresia uxor durch Heirath a[nn]o [1]796 pr 2000 fl.
Jell Johann, Barbara uxor gemeinschaft[lich] a[nn]o 1828 durch Kauf pr 1400 f l. Mz.
Jell Johann, Wittwer, allein, laut Abhandlungsvvertrag, a[nn]o 1829 pr 2100 f l. Mz
Obiger, Katharina uxor, gemeinschaftlich durch Heyrath, a[nn]o 1829 or 2100 f l. Mz
In Folge gerichtlicher Verord[nung] vom 31/12 1864 Z 7274 wird der Name Jell in Liehl berichtigt.“
17

Im Grundbuch wurde somit bis 1864 der Name Jell verwendet und dann auf Liehl korrigiert. Bei der Inventur nach dem Todesfall von Michael im Jahr 1796 wird ebenfalls von Seiten der Grundherrschaft die Schreibung Jell verwendet.18 Wenn man das mit den Kirchenbüchern von Weißenkirchen vergleicht, so wurden dort abweichend davon durchgängig Schreibweisen wie Liell oder Liehl19 verwendet. Aus dem Alten Grundbuch der Herrschaft Pottenbrunn zum Haus Grunddorf 4 ist wiederum ersichtlich, dass Michael und Anna Maria Liehl, in dieser Schreibweise, das Haus 1815 erworben haben.20

Ein wenig verwirrt und gleichzeitig noch neugieriger als zuvor, ging es zurück in die Kirchenbücher. Tatsächlich wurde 1734 ein Johann Michael als Kind von Johann Andreas und Anna Maria Jell in Kuffern geboren.21 Wenn man jetzt jeweils den Namensteil Johann vernachlässigt, passen sämtliche Angaben sehr gut. Die Eltern wurden wiederum im Jahr 1726 ebenfalls in Getzersdorf getraut. Auch hier wird der Name Jell geschrieben.22 Schließlich ist 1698 noch die Geburt von Johann Andreas als Sohn von Tobias und Eva Rosina Jiell in Kuffern zu finden. Bei dem Eintrag ist zudem das Todesdatum im Jahr 1735 vermerkt.23 Der Vater Tobias starb 1732 ebenfalls in Kuffern und der Familienname wurde Jell geschrieben.24 Ältere Aufzeichnungen zu dieser Linie konnte ich in den Kirchenbüchern nicht mehr finden. 

In der Pfarre Getzersdorf verschwindet der Name Jell um 1780 plötzlich aus den Indizes. Was trotz der Pfarrgründungen in der josephinischen Zeit und der damit verbundenen Umpfarrungen seltsam erscheint, da er zuvor sehr häufig aufscheint. Auffällig ist, dass parallel zu Jell auch die Namen Gill und Gillj in der Pfarre üblich waren. Die Schreibweise Gill findet sich sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein.25 Hausbesitzer mit dem NamenJehl, Jell oder Jiel finden sich im Franziszeischen Kataster um 1820 vor allem rund um Krems.26

Der Familienname Liehl und seine Schreibweisen (Grafik: Wolfgang Zehetner)

Resümee 

Unter der Annahme, dass die Schreibweisen Jell, Jiell und Gill alle einen gemeinsamen Ursprung haben, lässt sich die Bedeutung des Namens erklären. Und zwar als regionale Variante zur Kurzform Jilg oder Gilg zum Personennamen Ägidius.27 Beispiele dafür sind die Ortsnamen St. Gilgen oder Gilgenberg bei Waidhofen an der Thaya, die sich vom entsprechenden Heiligennamen ableiten.28 In der Mundart gibt es zahlreiche dokumentierte Kurzformen zu Ägidius, wie Ägilius, Jilg, Gilg, Ilg, Til, Egidi oder Gidi29. Alternative Herleitungen des Namens Jell analog zum in Baden-Württemberg verbreiteten Familiennamen Jehle aus der alemannischen Koseform Ühle zum Personennamen Ulrich oder aus dem slavischen Wort jelen für ‚Hirsch‘ erscheinen demgegenüber wenig überzeugend.30

In unserem Fall treten die  Schreibweisen mit J im ausgehenden 18. Jahrhundert zugunsten der Schreibung mit G zurück. Dennoch blieb die Schreibung Jell vor allem in der Region um Krems bis heute erhalten.31 Um das Chaos komplett zu machen, entschied sich Peter Spranger, der Pfarrer von Kapelln im Jahr 176232, den Namen mit L zu schreiben. Man kann nur vermuten, dass der Schreiber bei der schriftlichen Wiedergabe des NamensJell überfordert war. Spätestens mit der Übersiedlung des Namens in die neu gegründete Pfarre Weißenkirchen verfestigte sich jedoch die neue L-Schreibweise für diesen Familienzweig und schließlich wurde ab dem frühen 19. Jahrhundert die Länge in der Aussprache durch ein eingeschobenes -h- angezeigt. Im Jahr 1864 setzte sich diese Schreibung sogar gegenüber dem ursprünglichen Jell in den grundherrschaftlichen Aufzeichnungen durch. Nicht nur aus namenkundlicher Sicht eine spannende Geschichte, die hinter dem Namen Liehl steckt.


  1. Wolfgang ZEHETNER, Mostviertler Familiennamen – Kleine Namenkunde für die Zeit vor über 200 Jahren. In: Jahrbuch der österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung 2025 (Wien 2025) 35-52. ↩︎
  2. Elisabeth SCHUSTER, Die Etymologie der niederösterreichischen Ortsnamen, Teil 2 F-M (Wien 1990) 478. ↩︎
  3. DAW, 08. Alservorstadtkrankenhaus, Taufbuch 1/244 (1918) 253. ↩︎
  4. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Taufbuch 1/6 (1875-1900) 224. ↩︎
  5. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Taufbuch 1/5 (1851-1874) 132. ↩︎
  6. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Trauungsbuch 2/3 (1856-1880) 55. ↩︎
  7. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Taufbuch 1/1 (1783-1830) 11. ↩︎
  8. DASP, Heiligeneich, Trauungsbuch 2/4 (1784-1827) 56. ↩︎
  9. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Trauungsbuch 2/1 (1783-1830) Perschling 12. ↩︎
  10. Hans WOLF, Erläuterungen zum historischen Atlas der österreichischen Alpenländer, II. Abteilung, Die Kirchen- und Grafschaftskarte, 6. Teil, Niederösterreich (Wien 1955) 130. ↩︎
  11. DASP, Kapelln, Tauf-, Trau- und Sterbebuch (1763-1785) 189. ↩︎
  12. DASP, Kapelln, Tauf-, Trau- und Sterbebuch (1763-1785) 115. ↩︎
  13. DASP, Kapelln, Tauf-, Trau- und Sterbebuch (1744-1762) 256. ↩︎
  14. WOLF, Erläuterungen (wie Anm. 10) 134. ↩︎
  15. Wolfgang ZEHETNER, Haus und Hof (13.2.2026) https://huh.oefr.at/karte/?id=28177. ↩︎
  16. NÖLA, Josephinische Fassion – Perschling (1787) = JosFass OW 486, fol. 1. ↩︎
  17. NÖLA, Herrschaft Thalheim und Rassing – Grundbuch (1787-1847) = BG Herzogenburg 29/1, fol. 1. ↩︎
  18. NÖLA, Herrschaft Thalheim und Rassing – Inventurprotokoll (1782-1842) = BG Herzogenburg 29/5, fol. 103 f.  ↩︎
  19. DASP, Weißenkirchen/Perschling, Trauungsbuch (1783-1830) Perschling 7, 24, 26. ↩︎
  20. NÖLA, Herrschaft Pottenbrunn – Grundbuch (1812-1880) = KG St. Pölten 118/1, 329. ↩︎
  21. DASP, Getzersdorf, Taufbuch 1/2 (1722-1785) fol. 41v. ↩︎
  22. DASP, Getzersdorf, Trauungsbuch 2/2 (1722-1784) fol. 5v. ↩︎
  23. DASP, Getzersdorf, Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch (1693-1722) Taufen fol. 9. ↩︎
  24. DASP, Getzersdorf, Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch (1693-1722) Tod fol. 21. ↩︎
  25. DASP, Getzersdorf, Index Taufen (1693-1849) 20; Index Trauungen (1694-1849) 18; Index Tod (1700-1841) 27 f.; Index Taufbuch (1879-1933) 7. ↩︎
  26. ZEHETNER, Haus und Hof (wie Anm. 15). ↩︎
  27. Maria HORNUNG, Lexikon österreichischer Familiennamen (Wien 2002) 57, 74. ↩︎
  28. Ingo REIFFENSTEIN, Thomas LINDNER, Historisch-Etymologisches Lexikon der Salzburger Ortsnamen, Band 1 – Stadt Salzburg und Flachgau (Salzburg 2015) 111; SCHUSTER, Etymologie (wie Anm. 2) 109 f. ↩︎
  29. LIÖ, Lexikalisches Informationssystem Österreich (14.2.2026) https://lioe.dioe.at/articles/lieferung2-6%23Aegidius. ↩︎
  30. Paul NEY, Walter ENZINGER, Die Gföhler Familiennamen (Gföhl 1990) 71; Rosa und Volker KOHLHEIM, Duden Familiennamen (Berlin 2005) 354.  ↩︎
  31. Familiennamen Verbreitungskarten von Österreich (13.2.2026) https://namenskarten.lima-city.at/de/?nachname=Jell&k=a. ↩︎
  32. DASP, Kapelln, Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch (1744-1762) 253 f. ↩︎

Comments are closed.