Zu welcher Herrschaft gehörte mein Vorfahre?

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Immer wieder stoßt man als Familienforscher an Grenzen, die mit den pfarrlichen Matriken – Tauf-, Trauungs- und Sterbebüchern – nicht lösbar sind. In diesem Fall bieten grundherrschaftliche Aufzeichnungen weitere Forschungsmöglichkeiten. Da Herrschaften immer wieder ihre Besitzungen zum Teil oder zur Gänze  veräußerten, ändert sich dadurch auch die Herrschaftszugehörigkeit.

Was sind Grundherrschaften?

Bis zur Aufhebung der Grunduntertänigkeit im Jahr 1848 übten die Grundherrschaften Funktionen der Verwaltung und Gerichtsbarkeit aus, abgelöst wurden sie von Bezirkshauptmannschaften, Bezirksgerichten und Finanzämtern.

Jeder Grundherrschaft, deren Eigentümer oder Nutznießer Adelige oder Geistliche waren, war eine Masse von Bauern zugeordnet. Die Herrschaft sorgte für Schutz und Sicherheit, die Bauern erbrachten Arbeits- und Naturalleistungen. Außerhalb des Gebirges hatten die Grundherrschaften oft Streubesitz, weshalb in einem Ort oft mehrere  oder viele Grundherrschaften Besitz bzw. Untertanen hatten.

Schloss Maissau, Niederösterreich – L. Strenn 2014

Wie finden wir die zugehörige Grundherrschaft?

Für den Fall, dass in den Matriken die Zugehörigkeit zu einer Grundherrschaft nicht angegeben ist, hier einige Hilfsmittel am Beispiel Niederösterreichs:

1.) Bereitungsbuch (1590):

In dieser Steuererhebung werden für jede Ortschaft die Anzahl der Häuser getrennt nach Herrschaftszugehörigkeit angeführt. Für jedes Viertel wurde im Rahmen je einer Dissertation das jeweilige Bereitungsbuch aufgearbeitet. Kopien der Dissertationen liegen z.B. im NÖLA in St. Pölten auf.

Die Bereitungsbücher des Viertels unter dem Manhartsberg (Weinviertel), der Viertel ober und unter dem Wienerwald (Most- und Industrieviertel) finden Sie im Findbuch des Niederösterreichischen Landesarchivs (NÖLA) in 5.3 Handschriftensammlung mit der Signatur HS StA 0064/7*: https://www.noela.findbuch.net/php/main.php?be_kurz=485320537441&ve_vnum=185#485320537441×185  [ergänzt 25.6.2020]

Die Dissertation von Ludwig Hansen mit den Daten des Viertels ober dem Wienerwald (südwestliches Viertel Niederösterreichs) finden Sie online hier: http://othes.univie.ac.at/31589/1/AHB-01000-AC04557404.pdf

Ein Beispiel: Auszug des Bereitungsbuchs des Viertels unter dem Manhartsberg:

Eckhendorf (heute: Eggendorf am Walde)

Sebastian Grabmer gen Rosßenberg obrigkheit    
18
Schaffenbergersche Erben gen Groß      
3
herr von Traun gen Maisßa  7
herr dietrich von Puechhaimb gen horrn 4
Probst von Closter Newburg  2
Georg Lienhardt von KhönigsPerg gen schenberg 1
Summa 35 hauß

Anmerkung: Hier wird es zielführend sein als ersten Schritt die Aufzeichnungen der Herrschaft Rosenburg zu sichten, zumal mehr als die Hälfte der Häuser dieser Herrschaft untertänig waren.

Purckhstall (heute: Klein-Burgstall)

N: Pollany gen Wißent hat Abraham Stockhorner in bestannd obrigkheit 10
herr von Traun gen Meisßee  1
Herr Mathias teufel gen Puechberg  1
Georg bayr zue dümbach 2
Summa 14 hauß

2.) Möstl, Anton (1795): Topographischer Landschematismus

oder “Aechtes Verzeichniß aller im Erzherzogthume Österreich unter der Ens befindlichen Ortschaften als Städte, Märkte, Dörfer, Rotten, und einschichtige Häuser, die ihre eigene Bennennung haben, Anzahl der Häuser, sowohl, wie auch die betreffenden Pfarren, Werbbezirke, Landgerichte, Ortsobrigkeiten, auch Grundherrschaften, dann die nächsten Poststazionen, zur Abgabe der Briefe.”

Weiters gibt es im “Topographischen Landschematismus” ein alphabetisches Namensverzeichnis der Herrschaften, deren Besitzer und Oberbeamten.

Online finden Sie ihn im Findbuch des Niederösterreichischen Landesarchivs (NÖLA) https://www.noela.findbuch.net/  unter 06 Gerichtsarchive 00 Nachschlagewerke -> „Liste der Verzeichniseinheiten des Bestandes 06.00 – Nachschlagewerke“ -> “Topgraphischer Landschematismus 1795 bzw. 1796”

Beispiele:

Eggendorf, U.M.B., am Manhardsberge und am Wald, unweit Mühlbach, ein Dorf mit einer Pfarr, Zahl der Häuser: 46, Die nächste Poststazion zur Abgabe der Briefe ist: Meissau Gehört in die Pfarre: Eggendorf am Wald,  Gehört in den Werbbezirk des löbl. Regiments: G.H. Ferdin. Toskana Das Landgericht übt aus die Herrschaft: Rosenburg Die Ortsobrigkeit besitzt die Herrschaft: Rosenburg Grundherrschaften, die daselbst Unterthanen und Grundholden haben: Rosenburg, Meissau, Stift Klosterneuburg [Quelle: Möstl, Anton (1795): Erster Band (A-M). S. 114]

Anmerkung: Statt der im Bereitungsbuch angegeben sechs Grundherrschaften werden hier nur mehr drei angeführt.

Burgstall, O.M.B. (Purgstall) an b. Gr[enze] vom U.M.B. bei Raan, ein Dorf, Zahl der Häuser: 21, Poststazion: Meissau, Pfarre: Eggendorf Werbbezirk des Regiments: G.H. Ferdinand Toskana Landgericht: Limberg Ortsobrigkeit besitzt die Herrschaft Wiesent Grundherrschaften mit Unterthanen und Grundholden: Wiesent, Egenburg, Harmannsdorf [Quelle: Möstl, Anton (1795): Erster Band (A-M), S. 78]

Anmerkung: Hier sehen wir dass nunmehr statt Wiesent, Maissau, Puchberg, Dürnbach nun Wiesent, Eggenburg und Harmannsdorf angeführt werden.

3.) Steinius (1822): Topographischer Landschematismus …

Auch dieser Schematismus ist alphabetisch nach Ortschaften gegliedert. Sie finden hier Namen der Ortschaft, Viertel und Lage, Stadt, Markt, Dorf, Rotte und einzelne Häuser, Anzahl der Häuser, nächste Poststation, Pfarre, Schulort, Patronat, Dekanat, Werbbezirk des Regiments, Landgericht, Ortsobrigkeit, Grundherrschaften mit Untertanen, Konskriptionsherrschaft.

Online finden Sie ihn

3.1 bei Google:

Teil A – L: https://books.google.at/books?id=5DY_AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Teil M-Z: https://books.google.at/books?id=-zY_AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

und

3.2 im Findbuch des NÖLA https://www.noela.findbuch.net/  unter 06 Gerichtsarchive 00 Nachschlagewerke -> „Liste der Verzeichniseinheiten des Bestandes 06.00 – Nachschlagewerke“ -> Topgraphischer Landschematismus 1822

Hier werden als Grundherrschaften für Eggendorf am Walde angegeben: Horn-Rosenburg, Mühlbach, Ravelsbach, Unterdürnbach und Maissau

Weiters können Ihnen hilfreich sein:

4.) Topographien

4.1 Schweickhart (1833): Darstellung des Erzherzogthumes unter der Enns

Franz Xaver Schweickhardt veröffentlichte zwischen 1830 und 1846 63 Perspektivkarten, zwischen 1831 und 1841 die „Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Enns“, eine Beschreibung Niederösterreichs in 34 Bänden sowie im Jahr 1832 eine „Darstellung der k.k. Haupt- und Residenzstadt Wien“ in drei Bänden.

Wichtig: Die Bände des Wein- und Industrieviertels sind alphabethisch nach Ortschaften, die beiden anderen Viertel nach Herrschaften sortiert. Am Ende der Bände ist jeweils ein Ortsverzeichnis enthalten.

Online (Links zu den einzelnen Bänden): https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Xaver_Schweickhardt

4.2 Topographie von Niederösterreich des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich 1877-1927

in mehreren Bänden:

Topographie von Niederösterreich. Teil 1. Erster Band. Das Land unter der Enns nach seiner Natur, seinen Einrichtungen und seinen Bewohnern, Verein für Landeskunde von Niederösterreich, Wien 1877, S./Abb.: XIV + 730 S.; Kartenbeilagen, Niederösterreichisches Landesarchiv – Signatur AB:C 185-1(Bd1)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Erster Band. A-E mit Register , Wien 1885, 806 S.; Niederösterreichisches Landesarchiv – Signatur AB:C 185-1(Bd2)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Zweiter Band. F und G mit Register, Wien 1893, VII + 828 S., Niederösterreichisches Landesarchiv – Signatur AB:C 185-1(Bd3)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Dritter Band. H, J mit Register, Wien 1896, 585 S., Niederösterreichisches Landesarchiv – Signatur AB:C 185-1(Bd4)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Vierter Band. K, L mit Register, 1903 – Signatur AB: C 185-1(Bd5)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Fünfter Band. M mit Register, 1909 – AB: C 185-1(Bd6)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Sechster Band. N und O mit Register, 1915 – AB: C 185-1(Bd7)

Topographie von Niederösterreich. Teil 2. Alphabetische Reihenfolge der Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich. Sechster Band. P bis St. Peter in der Au, 1913-1927 – AB: C 185-1(Bd8)

Alle online im Findbuch des NÖLA https://www.noela.findbuch.net/  unter 06 Gerichtsarchive 00 Nachschlagewerke -> „Liste der Verzeichniseinheiten des Bestandes 06.00 – Nachschlagewerke“ -> „Topographie von Niederösterreich. 8 Bände. A-Peter, Sankt Peter in der Au 1877-1927“

5.) Grundbuch:

Vor Führung der Grundbücher durch die Bezirksgerichte wurden die Grundbücher von den Grundherrschaften geführt. Wenn z.B. die Lage des heutigen Hauses, die Adresse oder die Einlagezahl bekannt sind, kann mithilfe des Grundbuchs der Bezirksgerichte die zuständige Herrschaft in Erfahrung gebracht werden. Jeweils auf der ersten Seite der Einlage („A-Blatt“) ist in der Regel der Verweis auf das Vorgängergrundbuch und somit auf das Grundbuch der zuständigen Grundherrschaft angeführt.  Die Grundbücher der Bezirksgerichte liegen entweder noch am Bezirksgericht oder sie wurden bereits an das Landesarchiv abgegeben (Niederösterreich: Außenstelle des Niederösterreichischen Landesarchiv in Bad Pirawarth) – http://www.noe.gv.at/noe/Landesarchiv/Landesarchiv.html

Schlussbermerkung:

Diese Zusammenstellung kann nur einen Überblick am Beispiel Niederösterreichs geben. Weitere Quellen für andere Kronländer finden Sie auch im Wiki der ÖFR unter https://wiki.oefr.at/Topographien

 

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