Historische Quellen enthalten oft Zeitangaben, die aus heutiger Sicht zunächst rätselhaft wirken. Unbekannte Monatsnamen, Datierungen nach Heiligenfesten oder scheinbar widersprüchliche Abfolgen von Ereignissen können die Auswertung von Kirchenbüchern, Urkunden und anderen Quellen erschweren. Warum wird etwa ein Monat als „Hornung“ bezeichnet? Weshalb steht in einem Eintrag „10ber“, obwohl damit nicht Oktober, sondern Dezember gemeint ist? Und wie lässt sich ein Datum wie „Dienstag vor Laetare“ in unsere heutige Zeitrechnung übertragen?
Solche Fragen lassen sich meist nur beantworten, wenn die historischen Grundlagen der Zeitrechnung berücksichtigt werden. Dabei hilft die Chronologie, eine historische Hilfswissenschaft. Als „Lehre von der Zeit“ untersucht sie die verschiedenen Formen der Zeitmessung und Datierung und ermöglicht es, Ereignisse zuverlässig in ihre zeitliche Abfolge einzuordnen.1

Geburts- oder Taufdatum
In Kirchenbüchern des 19. Jahrhunderts sind bei Taufeinträgen zumeist zwei Daten angegeben: das Geburtsdatum und das Taufdatum. Entsprechende Verordnungen dazu gab es in den Jahren 1812 und 1828.2 Kaiser Joseph II. hatte davor im Patent über die Matrikenführung vom 20. Februar 1784 festgelegt, dass in die Taufbücher das Geburtsdatum einzutragen sei.3 Bis dahin wurde im Regelfall nur das Taufdatum eingetragen, da es sich um kirchliche Aufzeichnungen handelte und die Spendung des Sakraments im Mittelpunkt stand. Dabei ist festzuhalten, dass eine Taufe in der Regel möglichst bald nach der Geburt stattfand. Häufig fand sie sogar am selben Tag oder spätestens drei Tage später statt.4
Historische Monatsnamen
Beim Blick in die historischen Quellen erscheinen manchmal unbekannte Monatsnamen wie „Hornung“. Aus der zeitlichen Abfolge ist schnell ersichtlich, dass es sich um den Monat Februar handeln muss. Doch was steckt hinter dieser Bezeichnung? Seit dem Mittelalter waren neben den allgemein gebräuchlichen, ursprünglich aus dem Lateinischen stammenden Monatsnamen auch deutsche Bezeichnungen verbreitet. So standen beispielsweise „Hartung“ für Januar, „Hornung“ für Februar, „Lenzmonat“ für März, „Brachmonat“ für Juni und „Christmonat“ für Dezember. In einem Taufeintrag der Pfarre Purgstall aus dem Jahr 1804 erscheint etwa die Monatsbezeichnung „Hornung“.5 Dauerhaft durchsetzen konnten sich diese Bezeichnungen jedoch nicht. Im österreichischen Sprachraum haben sich dagegen die regionalen Varianten „Jänner“ und „Feber“ erhalten.6
Tabelle 1: Deutsche Monatsnamen im bairisch-österreichischen Sprachraum
| Hartung, Eismonat = Januar | Wonnemonat = Mai | Herbstmonat = September |
| Hornung = Februar | Brachmonat, Brachet = Juni | Weinmonat = Oktober |
| Lenzmonat = März | Heumonat, Heuet = Juli | Wintermonat = November |
| Ostermonat = April | Augst, Erntemonat = August | Christmonat = Dezember |
Daneben war es auch üblich, Zahlzeichen für die Monate von September bis Dezember zu verwenden. Für September begegnen etwa die Schreibweisen „7ber“ sowie – in lateinischen Datumsformeln im Genitiv – „7bris“. Beide gehen auf das lateinische Zahlwort „septem“ für sieben zurück. Entsprechend stehen „8ber“ für Oktober, „9ber“ für November und „10ber“ für Dezember. Für unser heutiges Verständnis der Monatsfolge ist dies verwirrend, da man „10ber“ leicht mit dem zehnten Monat und damit mit Oktober gleichsetzt.7 Doch das führt uns in die Irre. Die Erklärung für diese eigentümliche Zahlweise versteckt sich hinter der Frage nach dem Zeitpunkt des Jahreswechsels.
Tabelle 2: Ziffern in lateinischen Monatsnamen
| 7ber, 7bris, VIIber = September (septem = sieben) | 9ber, 9bris, IXber = November (novem = neun) |
| 8ber, 8bris, VIIIber = Oktober (octo = acht) | 10ber, 10bris, Xber = Dezember (decem = zehn) |
Wann begann eigentlich das Jahr?
Heute ist für uns vollkommen klar, dass das neue Jahr am 1. Januar beginnt. Doch dieses Datum hat sich erst in der Neuzeit schrittweise durchgesetzt. Die Kanzlei des Heiligen Römischen Reiches verwendete ab 1544 den sogenannten Circumcissionsstil. Dieser war nach dem Kirchenfest der Beschneidung Christi benannt. Die päpstliche Kanzlei übernahm den Jahreswechsel zum 1. Januar ab 1621, England erst ab 1753. In der Republik Venedig hat er sich sogar erst 1797 durchgesetzt. Zuvor galt der vorcaesarische römische Kalender, in dem das Jahr am 1. März begann.8 Und hier kommen wir auf die Zahlzeichen bei den Monatsnamen in den Kirchenbüchern zurück, da hier der September tatsächlich der siebte Monat im Jahr ist und somit auch die Benennung der Monate nach Zahlen schlüssig wird.
Im bereits erwähnten England war lange Zeit der 25. März als Datum des Jahreswechsels üblich. Dieser Stil wurde nach dem Fest Mariä Verkündigung als Annunciationsstil bezeichnet. Auch in Teilen Italiens war dieser Stil üblich. Allerdings bestanden unterschiedliche Auffassungen darüber, ob der Jahresbeginn gegenüber dem 1. Januar drei Monate später oder – aus einer anderen Zählperspektive – neun Monate früher anzusetzen sei. Dies konnte zu unterschiedlichen Jahresangaben führen. Um es noch komplizierter zu machen, gab es noch den Osterstil, den byzantinischen Stil mit dem Jahreswechsel am 1. September und den Weihnachtsstil.9
Da manche Quellen in die Zeit vor dem 17. Jahrhundert zurückreichen, sollte man diese Zusammenhänge bei der Interpretation und Datierung von Quellen im Hinterkopf behalten. Als Beispiel dafür kann eine Bestätigungsurkunde für die Universität Graz von Papst Sixtus V. dienen. Ausgestellt wurde diese am 1. Januar 1585. Verwirrend wird es, wenn man dazu recherchiert und herausfindet, dass sein Vorgänger Gregor XIII. am 10. April 1585 starb. Auflösbar ist die Verwirrung mit dem Hintergrundwissen, dass der Jahreswechsel für die päpstliche Kanzlei nicht am 1. Januar, sondern am darauffolgenden 1. März stattfand. Nach heutiger Zeitrechnung ist die Urkunde daher auf den 1. Januar 1586 zu datieren.10
Die Kalenderreform von 1582
Einer der markantesten Einschnitte in der europäischen Zeitrechnung war die von Papst Gregor XIII. eingeleitete gregorianische Kalenderreform. Das Problem war astronomischer Natur: Das julianische Kalenderjahr war gegenüber dem Sonnenjahr um etwa elf Minuten zu lang. Dieser „julianische Fehler“ summierte sich ungefähr alle 128 Jahre zu einem zusätzlichen Tag. Bis 1582 war der Kalender der Sonne bereits um zehn Tage hinterher. Um dies zu korrigieren, folgte auf den 4. Oktober 1582 unmittelbar der 15. Oktober 1582.11
In den katholischen Kernlanden der Habsburgermonarchie wurde die Kalenderumstellung auf den „neuen Stil“ in den folgenden Jahren vergleichsweise rasch umgesetzt. Doch Vorsicht: In vielen Regionen Europas verlief die Umstellung auf den Gregorianischen Kalender zeitversetzt. Für konfessionell gemischte Gebiete und protestantische Territorien muss daher bis in das 17. beziehungsweise frühe 18. Jahrhundert mit Datierungen nach dem „alten Stil“ gerechnet werden.12
Heilige statt Zahlen
In einer Zeit, in der gedruckte Kalender noch nicht allgemein verbreitet waren, spielte die liturgische Benennung von Tagen eine wesentlich größere Rolle als heute. Die Tage wurden häufig in Bezug auf den nächsten Festtag oder nach dem Heiligen des jeweiligen Tages bezeichnet. Wer solche Quellen auswertet, muss daher die jeweiligen lokalen oder diözesanen Heiligenkalender berücksichtigen, da die Festtage regional erheblich voneinander abweichen konnten. Der Margaretentag beispielsweise wurde meist am 13. Juli begangen, konnte in anderen Diözesen aber ebenso auf den 12., 15. oder 20. Juli fallen. Diese Art der Datierung war keine mathematische Übung, sondern Ausdruck einer Kultur, die Zeit durch Gebete und den Rhythmus der Feste definierte, statt sie nur numerisch zu messen.13
In der frühen Neuzeit setzte sich allmählich die Durchzählung der Monatstage durch, wie wir sie heute verwenden.14 Anfangs waren teilweise lateinische Zahlwörter für die einzelnen Tage in Verwendung. „Primo“, „Secundo“ und „Tertio“ bezeichneten beispielsweise die ersten drei Tage im Monat. Der letzte Tag wurde auch als „Ultimo“ bezeichnet. Häufig begegnen auch Kombinationen aus einer Zahl und der entsprechenden lateinischen Endung, etwa „1mo“. In einem Eintrag ins Trauungsbuch der Pfarre Gaming aus dem Jahr 1650 findet sich beispielsweise die Tagesbezeichnung „Vigesimo nono die Junij“15. Sie bedeutet übersetzt „am neunundzwanzigsten Tag des Juni“ und entspricht somit dem 29. Juni.
Das Problem mit den beweglichen Festen
Hinzu kommt noch, dass nicht alle Feste auf fixe Tage fielen. Das Osterfest ist der „Angelpunkt“ der Chronologie. Da es auf den Sonntag nach dem kirchlich berechneten Frühlingsvollmond fällt, kann es zwischen dem 22. März und dem 25. April liegen. Dies beeinflusst alle abhängigen Feste wie Pfingsten oder Fronleichnam. Ohne Kenntnisse der zur Osterberechnung verwendeten Hilfsmittel – etwa der „Goldenen Zahl“ und der „Sonntagsbuchstaben“ – ist ein Datum wie „Montag nach Jubilate 1642“ für Laien nur schwer aufzulösen.16
Für die praktische Auflösung solcher Datierungen kann das „Taschenbuch der Zeitrechnung“ von Hermann Grotefend herangezogen werden. Es hilft uns dabei, bewegliche Daten in eine belastbare Chronologie zu übersetzen. Ohne ein solches chronologisches Hilfsmittel besteht jedoch die Gefahr, Ereignisse einem falschen Datum zuzuordnen.17 Als Beispiel kann eine Urkunde des Stadtarchivs Steyr mit Bezug zum Ort Aschach an der Steyr dienen. Am Ende enthält sie folgende Datumsangabe: „Geben nach kristi gewürd viertzehen hundt[ert] Jar darnach in dem andern Jare an dem nachsten Eritag vor dem Suntag als man singet latare in der vasten“18.
Die Formulierung „in dem andern Jare darnach“ bezeichnet das zweite Jahr nach 1400, also das Jahr 1402. Die Datumsformel selbst weist auf den Laetare-Sonntag in der Fastenzeit hin. „Eritag“ ist eine alte Bezeichnung für Dienstag.19 Im Jahr 1402 fiel Ostern auf den 26. März. Der dritte Sonntag davor, der Laetare-Sonntag, fiel auf den 5. März. Der vorausgehende Dienstag war somit der 28. Februar 1402.20
Zusammenfassung
Wer Kirchenbücher und andere historische Quellen liest, begegnet immer wieder Datierungen, die zunächst rätselhaft wirken. Kenntnisse über alte Monatsnamen, den jeweiligen Jahresbeginn, Kalenderreformen und kirchliche Festtage helfen dabei, solche Angaben richtig zu deuten. Chronologie ist damit kein bloßes Spezialwissen, sondern ein wichtiges Werkzeug für eine verlässliche Familienforschung.
- Jan Simon KARSTENS, Chronologie. In: Jan Simon KARSTENS (Hrsg.), Werkzeuge der Historiker:innen. Neuzeit (Stuttgart 2025) 84–95, hier 84. ↩︎
- Carl SEIDL, Matrikenführung nach den in Österreich geltenden kirchlichen und staatlichen Gesetzen und Verordnungen (Wien 1897) 49; Severin PFLEGER, Die Matriken der Katholiken, der Akatholiken, und der Israeliten (Wien 1836) 1. ↩︎
- Anton GRIESSL, Kirchliche Vorschriften und österreichische Gesetze und Verordnungen in den Matriken-Angelegenheiten (Graz 1891) 11. ↩︎
- Monika WÜRTHINGER, Instruktionen für die katholische Hebamme im 18. und 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch des Musealvereins Wels 36 (Linz 2012) 463–475, hier 463. ↩︎
- Diözesanarchiv St. Pölten (DASP), Purgstall, Taufbuch 1/9 1798–1805, fol. 10, online: https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/st-poelten/purgstall/01%252F09/?pg=5 (abgerufen am 30.9.2026). ↩︎
- Wolfgang RIBBE, Zeitrechnung (Chronologie). In: Wolfgang RIBBE, Eckart HENNING, Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung (Insingen 2006) 235–244, hier 237; Karl WEINHOLD, Die deutschen Monatsnamen (Halle 1869) 12–14. ↩︎
- RIBBE, Zeitrechnung (wie Anm. 6) 237; KARSTENS, Chronologie (wie Anm. 1) 93. ↩︎
- KARSTENS, Chronologie (wie Anm. 1) 87. ↩︎
- KARSTENS, Chronologie (wie Anm. 1) 88–89. ↩︎
- Paul KIRN, Einführung in die Geschichtswissenschaft (Berlin 1963) 5. ↩︎
- Ahasver von BRANDT, Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften (Stuttgart 1958) 31; KARSTENS, Chronologie (wie Anm. 1) 89–90. ↩︎
- RIBBE, Zeitrechnung (wie Anm. 6) 239–240. ↩︎
- BRANDT, Werkzeug des Historikers (wie Anm. 11) 36–38. ↩︎
- Anna-Dorothee von den BRINCKEN, Historische Chronologie des Abendlandes (Stuttgart 2000) 53. ↩︎
- DASP, Gaming, Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch 1,2,3/1 1627–1678, pag. 59, online: https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/st-poelten/gaming/01%252C2%252C3%252F01/?pg=166 (abgerufen am 30.9.2026). ↩︎
- BRANDT, Werkzeug des Historikers (wie Anm. 11) 34–35; BRINCKEN, Historische Chronologie (wie Anm. 14) 52–58, 65; Hermann GROTEFEND, Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit (Darmstadt 1982) 6. ↩︎
- KARSTENS, Chronologie (wie Anm. 1) 86; BRINCKEN, Historische Chronologie (wie Anm. 14) 1. ↩︎
- Stadtarchiv Steyr, AT-40201-AR-1-V-3-SPIT-15, online: https://aschach-steyr.topothek.at/?doc=2228130 (abgerufen am 29.9.2026). ↩︎
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Ergetag, online: https://www.dwds.de/wb/Ergetag (abgerufen am 29.9.2026). ↩︎
- GROTEFEND, Taschenbuch der Zeitrechnung (wie Anm. 16) 152, 218. Suche nach dem Jahr in der Tabelle XV Festzahlen, alter Stil. Anschließend die Datierung über die Tabelle zur Festzahl 5. ↩︎


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